Corona-Echo

Leben und Erleben im Angesicht der unter dem Vorwand der Bekämpfung eines gefährlichen Virus getroffenen Maßnahmen. Die hier geäusserten Meinungen geben die Meinungen der Verfasser*innen der Beiträge wieder. Falls ohne Namen, sind die Namen den Verantwortlichen dieser Webseite bekannt. Du darfst hier schreiben, was Dich betroffen macht ...

 

25.07.2020

Ich bin infiziert. Nicht durch Covid 19, sondern durch die Angst.

 

Seit Monaten wird mir jeden Tag auf jedem Kanal zu jeder Uhrzeit gebetsmühlenartig mitgeteilt und mit entsprechenden Bildern, Graphiken und Statistiken noch bildlich untermauert, wie gefährlich Corona sei, dass ich entweder selbst daran bald sterben würde oder zumindest schwer erkranken könne oder dass ich andere Menschen anstecken könne, die daran dann versterben oder zumindest schwer erkranken würden. Und dies wird noch durch entsprechende Terminologien angefeuert, so wie gestern z.B. in den Tagesthemen in einem Kommentar, wo von „Ansteckungsopfern“ gesprochen wurde, die von Urlaubsrückkehrern aus dem Ausland angesteckt werden könnten.

 

Auf einmal wird im Zusammenhang mit einer Erkrankung, mit Covid 19, von Opfern und damit auch von Tätern gesprochen. Menschen werden kriminalisiert, die das Virus haben und womöglich einen anderen Menschen anstecken könnten. Und wenn jemand erkrankt, muss dann ja auch zwangsläufig irgendwie eine Schuld vorliegen, dass der sich nicht an die Regeln gehalten hätte, etwas falsch gemacht hätte in seinem Verhalten oder so, weil sonst könnte das ja gar nicht sein, dass jemand erkrankt und dann noch jemanden ansteckt.

 

All das macht mich gerade krank. Und ich muss aufpassen, dass mich diese Angst nicht zerfleischt und auffrisst und nichts mehr von mir übrig bleibt als eine Hülle ohne Leben und Lebendigkeit, ohne Freude und Genuss.

 

Ich habe diese Woche gemerkt, wie sehr ich anfällig bin, mich immer wieder von dieser kollektiven Angst mitreißen zu lassen, mich anstecken zu lassen.

 

Am Donnerstag gab es in Hamburg einen Anstieg von Covid 19 positiv getesteten Menschen. Gab es ansonsten immer ein Mittel von etwa 0-9 täglich positiv getesteten Menschen, so stieg auf einmal die Zahl auf 24 oder so. Die Presse machte daraus ein Riesen-Bohei, meine Kollegen und auch meine Freunde waren aufgewühlt, verunsichert, wütend, erbost und ängstlich und wetterten über die vielen doch so unvernünftigen Menschen, die daran schuld seien und „wir“ nun das Ergebnis sehen, „wir“ hätten das doch beinahe schon geschafft und alle sprachen von der nächsten Welle, die nun kommen würde.

 

Und ich ließ mich ein Stück mitreißen von der Angst dieses großen „Anstieges“. Als ich die Zahl das erste Mal gehört hatte, bekam ich auch einen Schreck. Ich habe mich dabei ertappt. Und mir wurde nochmal bewusst, wie sehr mich diese Berichterstattung der Angst die letzten Monate beeinflusst hat. Bis ich anfing diese Zahl mal in Relation zu setzen. 24 neu positiv getestete Menschen auf eine Bevölkerungszahl in Hamburg von etwa 1,83 Millionen?

 

Und um es hier auch nochmal klar zu sagen. Ich leugne nicht, dass es dieses Virus gibt, an dem Menschen schwer erkranken und sterben können. Und ich selbst möchte dazu natürlich auch nicht gehören, genauso möchte ich nicht dass die Menschen, die mir am Herzen liegen daran erkranken.

 

Jeder Mensch, der daran verstirbt oder schwer erkrankt ist eine Tragödie, sowohl für die Betroffenen als auch ihre Angehörigen. Menschen werden womöglich aus dem Leben gerissen, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten, andere standen mitten im Leben und wollten noch so viel machen und wiederum andere haben schon eine ganze Weile gelebt und allen ist gleich, dass vermutlich alle noch eine Weile weiter leben wollten.

 

Aber das trifft eben nicht nur auf die Menschen zu, die an Covid 19 versterben. Diese Tragödien passieren jeden Tag, jede Minuten hier in Deutschland, dass Menschen versterben, aus dem Leben gerissen werden und Tragödien erleben.

 

Aber wurde jemals schon täglich, fast stündlich, ein Nachrichtenticker installiert, um über die Gefährlichkeit und Sterberate von anderen tödlichen Erkrankungen oder Ursachen, die hier in Deutschland einen noch viel größeren Umfang haben gesprochen?

 

Ich bin froh, dass das nicht passiert ist, denn in einer ständigen Angst kann ich nicht leben.

 

Im Jahr 2018 verstarben in Deutschland insgesamt 954.874 Menschen, davon schätzungsweise 345.274 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 230.031 Menschen an Krebs, 74.000 Menschen aufgrund von Alkoholkonsums, 71.700 Menschen an Krankheiten des Atmungssystems, 27.127 Menschen aufgrund eines Unfalls, davon allein 11.960 Menschen im Haushalt….

 

Ich wäre vermutlich nicht mehr aus dem Haus gegangen oder hätte mich nicht mehr getraut mich von meinem Platz zu bewegen, hätte mich nicht mehr in ein Auto gesetzt, wäre nicht mehr auf eine Leiter gestiegen, wenn mir jeden Tag, jede Minute das Risiko des Lebens ständig vorgehalten wird, mir dies jeden Tag erzählt wird. Das würde mich nur lähmen. So wie ich mich jetzt immer wieder gelähmt fühle durch die aktuelle Berichterstattung.

 

Ob ich es will oder nicht. Covid 19 ist Teil einer von vielen Erkrankungen und Risiken des Lebens in Deutschland und weltweit geworden, an der ich sterben kann.

 

Und ich würde mir so sehr wünschen, dass diese tägliche Angstschürerei endlich mal ein Ende findet.

 

Anni, 52 Jahre